Ist es dein Traum, dein Pferd „ohne alles“ zu reiten? Es mit feinsten Hilfen lenken zu können, in jeder Gangart durchs Gelände?

Vor etwa 20 Jahren bin ich so geritten. Auf einem Pferd, das sich nur mit einem Strick um den Hals reiten ließ und auf Kommando steigen konnte. Damals war es mein großer Traum, der sich erfüllte.

Ich habe viele Stunden mit diesem Pferd verbracht, bin mit ihm ins Wasser geritten, durch hohen Schnee, steile Berge hinauf und hinunter. Einmal habe ich ihn im Stockfinstern aus dem Stall geholt und galoppierte ihn mit einem Handpferd daneben (!) durchs Gelände.

Er hat alles mitgemacht, immer.

 

Reiten mit Halsstrick im Gelände

Dieses Pferd stand vollkommen unter der Kontrolle des Menschens, es hatte das so gelernt. Kein einziges Mal machte das Pferd einen falschen Schritt oder weigerte sich, auf meine Impulse zu reagieren.

Damals habe ich das nicht hinterfragt, sondern war nach vielen Jahren auf Reitschulpferden so erleichtert, ein Pferd ohne Gebiss, ohne Zügel und ohne Sattel ganz „frei“ reiten zu können. Ich war unendlich dankbar und fühlte mich im siebten Himmel.

Wie fühlt sich ein Pferd beim „freien Reiten“?

Die Frage, wie sich das Pferd dabei fühlt, stellt ich mir nicht.

Im Unterschied zu den Reitschulpferden, die sich alles andere als einfach reiten ließen und ihren Unmut dagegen deutlich zum Ausdruck brachten, hatte ich ja nun ein Pferd, das niemals „nein“ sagte. Aber ist ein „ja“ nicht etwas anderes als „kein nein“? Hat dieses Pferd jemals „JA“ gesagt? Ich bin mir nicht sicher.

Dieses Pferd gehörte nicht mir, ich war seine Reitbeteiligung. Eines Tages trennten sich unsere Wege, weil der Besitzer des Pferdes seine Pferde an einen anderen Ort brachte.

Tagelang habe ich um dieses Pferd geweint, das mein Leben so unendlich reich gemacht hat. Habe mich daran erinnert, wie er einmal gewiehert hat, als ich nach drei Wochen Urlaub wieder zu ihm kam. Bin in Gedanken mit ihm all‘ die Wege noch einmal gegangen, die wir gegangen sind. Unendlich dankbar für alles, was ich mit ihm erlebt habe.

Kontrolle versus Vertrauen

Schließlich habe ich dieses Pferd innerlich losgelassen und mein erstes eigenes Pferd geschenkt bekommen. Erst mit meinem eigenen Pferd verstand ich den Unterschied zwischen „Ja“ und „nein“, denn diese Stute schrie ihr NEIN! unüberhörbar in die Welt.

Sie verweigerte sich allen Versuchen, sie mit Druck zu etwas zu bewegen.

Sanja, mein Ponymix im Alter von ca. 20 Jahren

Mit ihr wurde mir klar, was der Unterschied zwischen Kontrolle und Vertrauen ist. Kontrolle beruht letztlich auf Angst und Trennung, Vertrauen auf Liebe und Verbindung. Nur ein Pferd, das keine Angst vor den Konsequenzen eines NEINs hat, ist wirklich frei.

Ein Pferd zu kontrollieren, ist eine Illusion, habe ich von Sanja gelernt. Denn ein Pferd, das unter der Kontrolle des Menschen steht, nimmt im Zweifel Reißaus.

Genau das tat der immer zuverlässige Wallach, der so frei geritten werden konnte, eines Tages. Seine Angst vor Traktoren war größer als die Angst vor den Konsequenzen seines Reiters. Der brach sich die Schulter beim Sturz von seinem Pferd.

Hätte ein Pferd, das seinem Reiter wirklich vertraut und mit ihm verbunden ist, in dieser Situation anders auf den Traktor reagiert, fragte ich mich?

Wie sieht freies Reiten aus Sicht des Pferdes aus?

Ich gebe zu, die Überschrift ist provokativ. Und natürlich kommen mir sofort die vielen Menschen in den Sinn, die der Meinung sind, dass kein Pferd wirklich geritten werden möchte. Und freiwillig schon gar nicht.

Es mag Pferde geben, die nicht geritten werden wollen, gar keine Frage.

Aber kann man das wirklich pauschal über alle Pferde sagen? Ich glaube nicht.

Nach meiner Erfahrung ist das Reiten eine Frage des „WIE“ und nicht des „OB“. Und es liegt in unserer Verantwortung als Menschen, genau hinzufühlen und hinzusehen, um offen zu sein für ein JA oder ein NEIN.

Mein Weg zum freien Reiten

Lange Zeit habe ich auf das Reiten gänzlich verzichtet. Ich wollte es nicht riskieren, etwas gegen den erklärten Willen eines Pferdes zu tun, es zu etwas zu zwingen.

Schritt für Schritt habe ich mich dem Reiten wieder angenähert. Es ist noch immer derselbe Strick und längst ein anderes Pferd. Rosi kam als „unreitbar“ zu mir. Mir war es nicht wichtig, sie zu reiten. Es gibt so viel Anderes, das wir beide gerne miteinander teilen.

Rosi am Boden

Eine Bedingung dafür, ein Pferd zu reiten, ist für mich ganz klar: Ich muss wissen, wie ein Pferd NEIN sagt. Und ich muss mir sicher sein, dass es sich das traut.

Nur, wer NEIN sagen kann, kann auch JA sagen. Und mit den Monaten, die ins Land gingen, lernte Rosi, dass ihr NEIN immer gehört wird. Manchmal muss ich über ihr NEIN hinweggehen, sonst hätte sie weiterhin Haken auf den Zähnen.

Mit Hilfe positiver Verstärkung entwickelte sich Rosi zu einem Pferd, die immer mehr möchte als ich ihr geben kann. Mehr Spiele, mehr Körperübungen, mehr Spaziergänge, mehr, mehr mehr.

Eines Tags schwang ich mich ganz beiläufig vom Podest auf ihren Rücken, zunächst ohne Strick. Und sie brummelte erwartungsvoll und bekam den „Jackpot“ zu fressen. Ich stieg sofort wieder runter, glücklich. Danke. Ob ich Rosi jemals „ganz normal“ im Gelände reiten werde, steht in den Sternen. Ich habe es nicht eilig damit. Sie auch nicht 🙂

freies Reiten auf einem ehemals „unreitbaren“ Pferd